Darkwood – Notwendfeuer

Zwischen Anspruch und Zauber

VÖ: 2007 Label: Heidenvolk

Genre: Darkfolk

Gehen unserer Gesellschaft jegliche Werte verloren? Besitzen wir noch eine eigene Identität, oder hat uns die komplette Gleichschaltung eingeholt? Wann beginnt endlich unser Kampf für die Dinge, die uns, die Induvidien auszeichnen?

(Raphael)

Die aufmerksame Leserschaft des Feindesland.de wird sicherlich schon bemerkt haben, dass meine Wenigkeit, die Kunst von Henryk Vogel und seinem Projekt Darkwood sehr hoch einschätzt. Obwohl dieser persönlichen Befangenheit versucht meine Person, Ihnen eine recht neutrale Besprechung zum neuen Album “Notwendfeuer” von Darkwood zu konzipieren.

Einige Zeit ist ins Land gezogen, der Künstler Henryk Vogel beehrt uns die geneigte Hörerschaft, nach über zwei Jahren mit einem neuen anmutigen Vollzeitalbum. Viele Personen erwarteten “Notwendfeuer” sehnsüchtig, eine große Erwartungshaltung machte sich breit, nach den fulminanten Veröffentlichungen “Herbstgewölk” und “Lapsis”, der Zusammenarbeit mit Chaos As Shelter.

Wie Henryk Vogel schon bei seinen vorherigen Opera unter Beweiß stellte, besitzt er ein Gespür für anspruchsvolle Texte, die im Gegensatz zu einigen Künstlern (wir wollen keine Namen an dieser Stelle nennen) vor Ausdruckskraft strotzen und der geneigten Zuhörerin bzw. dem geneigten Zuhörer einen gewissen Interpretationsspielraum eröffnen. Nicht alle Inhalte entstammen seiner Feder, er bedient sich für drei seiner Tondokumente auf “Notwendfeuer” alter verstorbener und (leider) längst vergessener Dichter. Ihm dienten Vorlagen von Otto Ernst (richtiger Name Otto Ernst Schmidt) (1862-1926) für ‘Wintermärchen’, die Prosa zu ‘Nibelungenland’ von Adolf Bartels (1862-1945). Die Inspiration zu ‘Feuerkreis’ lieferte das Gedicht “Trompeten” von Georg Trakl (1887-1914), um Ihnen einen besseren Einblick in die Arbeit von Henryk Vogel zugeben, hier für Sie der Originaltext als Zitat:

Unter verschnittenen Weiden, wo braune Kinder spielen
Und Blätter treiben, tönen Trompeten. Ein Kirchhofsschauer.
Fahnen von Scharlach stürzen durch des Ahorns Trauer,
Reiter entlang an Roggenfeldern, leeren Mühlen.
Oder Hirten singen nachts und Hirsche treten
In den Kreis ihrer Feuer, des Hains uralte Trauer,
Tanzende heben sich von einer schwarzen Mauer;
Fahnen von Scharlach, Lachen, Wahnsinn, Trompeten.

Von den nicht reproduktiven Zeilen in Lieder, mögen besonders die lyrischen Aussagen in ‘Verlorenes Heer’ und ‘Ostenfeld’ gefallen. Sehr anspruchsvoll erstellt, ist die Zweideutigkeit in ‘Verlorenes Heer’, wo auf der einen Seite thematisch die Vertreibung der Deutschen im zweiten Weltkrieg aus der alten Heimat mit gemeint sein könnte, aber genauso das nicht Wiederkehren der gefallenen Soldaten aus den Wirren des Krieges. Sehr imposant ist der Refrain des Stückes ‘Ostenfeld’ (‘Ostenfeld, sturmgeweihtes Land’), der die Kernintention hervorragend hervorbringt bzw. transportiert.

Die hier inhaltliche geleistete Arbeit, kann nicht genügend gewürdigt werden, in einer Zeit, wo die tumben Massen mit inhaltslosen Aussagen befriedbar sind und Menschen mit der Sucht nach Anspruch, am Liebsten vor Verzweiflung jegliche Form der Informationsaufnahme verweigern würden. Ein Lichtblick, besonders wo gewisse Projekte aus diesem Genre, zum Teil auch nicht, den Bedarf bzw. die Sehnsucht nach geschmackvoller Unterhaltung stillen können.

Die musikalische Entwicklung, die Henryk Vogel gegenüber dem letzten Album “Herbstgewölk” vollzog, könnte am Besten mit den Adjektiven räudiger und erdiger spezifiziert werden. Die elektronischen Elemente haben sich verflüchtigt, ersetzt wurden sie durch die handgemachte Instrumentierung, die jetzt im Vordergrund steht.
Den überwiegenden Teil der Musikinstrumente spielte Henryk Vogel selbst ein, unterstützt wurde seine Person von Nadja (Violoncello), Manuela (Akkordeon), Chihiro (Trompete) und Valentin (Violine). Das intonierende bzw. markante Organ von Henryk Vogel prägt das Liedgut, als Gastsängerin wirkt Manuela mit, die zum hohen Akzentuierungsgrad des Albums beiträgt.
Die hier dargebotene Symbiose setzt sich aus bekannten Neofolkkomponenten und klassischen Stilmitteln zusammen. Die größte Gewichtung liegt auf akustischen Parts, der Einsatz von E-Gitarre Strukturen fällt der Zuhörerin bzw. dem Zuhörer verschwindend gering auf. Eine harmonische Mischung von getragen bis euphorisch bekommt die interessierte Reziepentenschaft von Henryk Vogel vorgeführt, die in keinem Moment das Gefühl der Langeweile vermittelt. Abwechslungsreiche Kompositionen, die sich sehr schnell in den Gehörgängen festsetzen und die hochanspruchsvolle Kundschaft verzaubern, bietet “Notwendfeuer” an.

Gerne sucht meine Wenigkeit für Sie die Anspieltipps eines Tonträgers heraus, bei diesem Opus musste ich meine anfängliche Entscheidung mit ‘Verlorenes Heer’ und ‘Nibelungenland’ revidieren. Das endgültige Ergebnis nach unzähligen Hördurchläufen, zeigt ‘Verlorenes Heer’ und ‘Ostenfeld’, als meine Favoriten, für die nähere Vorstellung.

‘Verlorenes Heer’ als typisches bzw. klassisches Neofolkliedgut klassifizieren wollen, kommt der Komposition in der Weise nahe, weil die Grundinstrumentierung auf neofolktypischer Gitarre, Percussion und Schlagwerken beruht. Das bekannte Bild wird aufgebrochen, durch den Einsatz von Akkordeon- und Streicherparts, die den versprühten Charme ins Unermessliche steigern.

‘Ostenfeld’ besticht durch das Zusammenspiel von akustischen und elektronischen Gitarrenläufen, die einen herrlichen Effekt ergeben. Die tiefen Akkorde der E-Gitarre wurden genau auf den Refrain (‘Ostenfeld, sturmgeweihtes Land’) eingepasst und verstärken somit die Ausdruckskraft des Stückes. Eine sehr minimale Konzeption, die besonders durch die gute Abstimmung von Text und Musik bezaubern vermag.

Über die Gestaltung der Verpackung darf sicherlich gestritten werden, meine persönliche Einstellung zum Thema “die Ästhetik des Faschismus” dürfte aus vorangegangenen Besprechungen klar zu erkennen sein. Ob nun unbedingt ein Gedicht von Karl Bröger (1886 – 1944) den Innenteil zieren muß, wo seine Arbeiten von den Nationalsozialisten sehr geschätzt wurden und in der Hitlerjugend Verwendung fanden. Es wird wohl nicht mehr zu klären sein, ob er ein reiner Arbeiterdichter war oder ein wahrer Anhänger des Regimes, die ihm einen Staatsbegräbnis zuteil werden ließen – eine obskure Persönlichkeit.

Es bleibt ein leicht fader Beigeschmack, mir dem Rezensenten, am Ende dieser Besprechung, dem ich mich nicht verwehren bzw. entziehen kann. Auf der einen Seite inhaltlich wie kreativ dürfte dieses Werk aus der Gesamtheit herausbrechen, aber leider kann ich nicht explizit klären, welche geistige Haltung hier transportiert werden soll, nur die konservative Linie oder doch mehr? Diese Frage muß jede Hörerin bzw. jeder Hörer für sich privat “im stillen Kämmerlein” beantworten.

Fazit:

Es bleiben am Ende nur zwei Fragen offen: “Wann bekommt die geneigte Hörerin bzw. der geneigte Hörer neues phantastisches Material von diesem Ausnahmekünstler geboten? Wie soll diese perfektionistische Arbeit von seiner Seite aus noch gesteigert werden?”

Genießen Sie diese schöne Arbeit, aber denken Sie auch mal in Ruhe drüber nach!

(Raphael)

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