Le Cose Bianche – Gli anni passati da soli non saranno mai restituiti

Von Feindbildern, Erwartungen und der Realität!

VÖ: 2011 Label: Scorze Records

Genre: Industrial, Electronica Format: CD-R

Das Thema des Kindesmissbrauchs spaltet seit Jahren die Lager; hat die erzkonservative Rechte in ihnen ein ergiebig-populistisches Feindbild gefunden, das am besten noch gestern an der Laterne aufgeknüpft werden sollte, so zeigt sich dieses Problem, nähert man sich ihm inhaltlich und analytisch, komplex, vor allem diffus in den Lösungsansätzen.

Fakt ist aber, dass der Konsument derartig auf das Thema sensibilisiert wurde, dass es sich als schier unmöglich darstellt, auf vergilbte und grob zerkratzte Kinderbilder wie sie in Le Cose Bianches “Gli anni passati da soli non saranno mai restituiti” Verwendung finden, unprätentiös einzugehen. Denn zu tief und unbegreiflich erscheint uns das, was da medial in Skandalen von Kirche, Politik und Bevölkerung immer wieder vorgeführt wird – doch aber bietet Le Cose Bianche nur einen Fingerzeig in diese Richtung, wiederum aber keinen konkreten Anlass, mit der Interpretation wird der Hörer alleingelassen – denn faktisch sind es gewöhnliche Fotos. Oder wie Mr. Brian Warner einst zu eben jenem Thema sagte: “Was kann ich für Eure Gedanken?”

Genau mit dieser Schwierigkeit spielt La Cose Bianche meines Erachtens nach: mit der Erwartungshaltung, respektive mit der konditionierten Reaktion, die man als Konsument an solche Bilder knüpft, denn objektiv betrachtet zeigt sich das vom Italiener kreierte Klangfeld karg und zu großen Teilen trostlos – stets aber inhaltlich leer; durch die Gesamtwirkung, vor allem aber die Verknüpfung mit der in schwarzem Verband gehüllten CD und besagter Bildwelt ergibt sich ein durchgängig unheilvolles, unbehagliches Gefühl, das vom ersten bis zehnten Titel nicht abnimmt.

Allein, das seit 2009 agierende italienische Noiseprojekt Le Cose Bianche (L.C.B.) zeigt sich auch ohne diese Vorarbeit auf “Gli anni passati…” schwer depressiv und finster, nie brutal oder harsch, vor allem aber in seiner Wortkargheit sehr persönlich und sichtlich auf das eigene Innenleben fokussiert – “None to thank”, wie es in knappen Worten im Booklet heißt. Die Mischung aus dunkelatmosphärischen Drones, Industrial und rhythmischem Noise, die der Protagonist aus Synths, Drums, Keyboard und Loops zusammensetzt, verbreitet durchgehend Dunkelheit, ist dabei aber deutlich vielseitig. So arbeitet der Italiener zwar immer auf der Basis minimalistischer, düsterer Klangflächen, ergeht sich jedoch immer wieder in fast schon melodisch-tanzbaren Passagen, wofür vor allem minimalistisch eingeflochtene Electro-Elemente und im Kontext obskur wirkende Beats verantwortlich sind – trotzdem erscheint hier in seiner Gesamtheit alles stimmig.

Die Impro-Vergangenheit des Projektes lässt sich in genau dieser Vielseitigkeit ablesen – eben jene bewerkstelligt es schlussendlich auch, “Gli anni passati da soli non saranno mai restituiti” aus der Masse der Veröffentlichungen herausstechen zu lassen. Denn ob als alleinige Beschäftigung oder als hintergründige Atmosphäre lässt sich in der hier eröffnetet Klangwelt vieles hören wie hineininterpretieren, wodurch eine Langzeitwirkung garantiert bleibt – eine Beschäftigung, die viel weiter geht, als die bloße Plakativität, der man sich erst in der vorangestellten Bildwelt ausgesetzt meint.

Fazit:

Le Cose Bianche offeriert mit “Gli anni passati…” eine durchgängig spannende und atmosphärisch tiefgreifende Veröffentlichung, die in erster Linie durch die intensiv-dunkle Stimmung, in zweiter Linie dann durch die tonale Wandelbarkeit bar der typischen Genrelimitierungen sonstiger Projekte begeistert – Empfehlung!

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