Sexterminator 69 / Autocancrena – Fattura a morte con il sistema di putrefazione

Schockwirkung ohne Schockwirkung!

VÖ: 2011 Label: Scorze Records

Genre: HNW, Industrial Format: Tape

Dass Harsh Noise kein Easy Listening-Arbeitsfeld ist, sollte klar sein; dass Strategen dieser Richtungen stets versuchen, dem Hörer einen gehörigen Schlag in die Magengrube zu verpassen, sei es nun in inhaltlicher oder auch tonaler Sicht – das gehört schon seit Jahren zum guten Ton, respektive stellt dieses ein bekanntes Stilmittel dar. Trotzdem aber bildet diese Suche nach dem Unschönen, dem Unbehagen & Ästhetik des Hässlichen seit jeher einen essentiellen Bestandteil.

“Fatura a morte con il sistema di putrefazione”, das Splittape der italienischen Noiseextremisten Sexterminator 69 und Autocancrena, von welchem 20 Exemplare über das Kleinstlabel Scorze Records veröffentlicht wurden, bietet erstmal faktisch ein durchaus bekanntes Bild typischen Harsh Noise italienischer Prägung: inhaltlich taucht man in sexuelle Abgründigkeiten des Menschen, in seine Perversionen und den Ekel ein. Der gewissen Vorhersehbarkeit entgegen zielt die Kassette jedoch weniger auf offenkundige Schockwirkung ab, erscheint eher unbehaglich-finster; zwar findet sich auf der die Kassette umfassenden Stofftüte das unheilvolle Bild einer leblos wirkenden Frau – auf übliche Gore- oder Splatterszenen verzichtet “fatura a morte con il sistema di putrefazione” jedoch, und erzeugt die Negativität eher zwischen den Zeilen, im Kopf des Hörers.

Genauso lassen sich auch die beiden akustischen Beiträge aufschlüsseln, die in ihrer Wirkung stärker auf sublime Angstmomente und Ekel setzen, als auf möglichst große Verwüstung. Im Gegenteil, die zu vernehmenden kaputten Harsh Noise-Collagen sind zurückgenommen und ruhig, wodurch sie vor dem Hintergrund des Themas sofort stark intim und persönlich wirken, so als würde man ein wenig zu tief in die Gedankenwelt eines Fremden eintauchen. Überhaupt liegt hier ein entscheidender inhaltlicher Kehrpunkt zu den üblichen Gewaltorgien: beide Protagonisten beziehen das Thema auf sich, nach innen, und nicht auf die kranke Welt außen.

Sexterminator 69 (aka Andrea Laurenti, der auch mit Bukkake Violence Kommando Krach erzeugt) bietet auf seiner Seite einen kribbeligen, durchgängig unangenehmen Monolithen, der über knapp 20 Minuten unterschwellig durch den Raum kriecht. Über dunklen Dronesplittern liegt unstetes Knacken gleich einem Geigerzähler, durch den Hintergrund ziehen ab der zweiten Hälfte verzerrte, fast nicht mehr als solche identifizierbare Schreie; einen wirklichen Progress gibt es nicht, nur das ständig unwohle, atonale Knacken, immer unterbrochen von kurzen Ruheeinbrüchen. Sexterminator69s “Essenca del nichilismo” erscheint auch als genau solche: nihilistisch, verstörend und auf seine Art eklig.

Der Italiener Lorenzo Chiarofonte tritt mit Autcancrena auf der B-Seite “eiaculazione psichica” wesentlich ruhiger als sein Vorgänger auf. Die drei Teile seiner “psychsichen Ejakulation” folgen dabei recht stringent der steigenden (bzw. in den menschlichen Abgrund fallenden) Handlung: Beginnend mit dumpfen Klavieranschlägen und nach Meer klingenden Sounds erzeugt er zu Beginn noch Ruhe und Atmosphäre, gefolgt von unheilvoll maschinell-dröhnendem Industrial, der in einiger Distanz monoton abläuft. Den letzten und kürzesten Teil bildet dann ein kurzes & brachiales Harsh Noise-Stück – die Ejakulation.

Fazit:

“Fatura a morte con il sistema di putrefazione” stellt ein in Gänze negatives Splittape dar, das vor allem durch das Ausweichen des üblichen Gerangels um das größtmögliche Extrem gefällt, zudem durch sein durchweg sublim-bedrückende Stimmung einen ordentlichen Schlag in die Magengrube erzeugt – für den kleinen Kreis derartiger Anhänger eine Empfehlung!

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